Wenn die Kinder das Wertvollste sind – warum wird dann ausgerechnet an ihnen gespart?
Wenn die Kinder das Wertvollste sind – warum wird dann ausgerechnet an ihnen gespart?
Es gibt Momente, da möchte man applaudieren. Und es gibt Momente, da fragt man sich, ob man gerade einer politischen Rede oder einer besonders gelungenen Kabarettnummer beiwohnt.
Bundeskanzler Friedrich Merz hat bei der Verleihung des Deutschen Schulpreises in Berlin große Worte gefunden. Lehrerinnen und Lehrer seien die wichtigste Berufsgruppe unseres Landes. Er spreche als Vater und Großvater und man vertraue ihnen schließlich das Wertvollste an, was man habe: unsere Kinder.
Wie schön. Wie warmherzig. Wie staatstragend.
Man möchte dem Kanzler beinahe ein Taschentuch reichen
Nur leider endet die Rührung ungefähr dort, wo die Haushaltsplanung beginnt.
Denn während Merz die Lehrkräfte auf die gesellschaftliche Ehrenliste setzt, scheint seine Regierung gleichzeitig daran zu arbeiten, den Kindern und Familien die finanzielle Grundlage unter den Füßen wegzuziehen.
Das Wertvollste, was wir haben? Offenbar auch das Wertvollste, an dem man sparen kann.
Da wird überlegt, den Unterhaltsvorschuss für Alleinerziehende wieder auf das 16. Lebensjahr zu begrenzen. Rund 80.000 bis 110.000 Kinder könnten nach den vorliegenden Schätzungen ihren Anspruch verlieren.
Der Kindersofortzuschlag von 25 Euro monatlich soll ebenfalls verschwinden. 450 Millionen Euro jährlich könnten dadurch eingespart werden.
25 Euro! Ein Betrag, für den man in manchen Berliner Restaurants vermutlich nicht einmal mehr das Kleingedruckte auf der Speisekarte bekommt.
Für eine armutsgefährdete Familie dagegen können diese 25 Euro durchaus darüber entscheiden, ob am Monatsende noch etwas im Kühlschrank liegt.
Und auch bei der Kinder- und Jugendhilfe wird offenbar fleißig der Rotstift gespitzt. Milliardenbeträge stehen im Raum. Individuelle Hilfen für Kinder mit Behinderung sollen teilweise durch Gruppenlösungen ersetzt werden.
Man könnte fast meinen, Kinder seien eine Art Serienproduktion: Ein Betreuer für alle, ein Problem für niemanden und die Rechnung bitte möglichst niedrig.
Auch beim Elterngeld wird über weitere Einsparungen gesprochen. Die Kindergrundsicherung, einst als große Reform angekündigt, ist inzwischen politisch beerdigt.
Vielleicht war sie einfach zu teuer für eine Regierung, die zwar gerne über die Zukunft spricht, aber bei deren Finanzierung offenbar regelmäßig einen Taschenrechner mit Sparzwang benutzt.
Und dann stehen wir vor unseren Schulen.
Natürlich gibt es hervorragende Lehrerinnen und Lehrer. Menschen, die trotz widrigster Umstände jeden Morgen ihre Arbeit machen, Kinder auffangen, fördern, trösten und manchmal vermutlich auch Wunder vollbringen.
Aber selbst der engagierteste Lehrer kann aus einem maroden Schulgebäude keine Bildungslandschaft zaubern.
Was nützt die beste pädagogische Ausbildung, wenn Klassenzimmer heruntergekommen sind, Sanitäranlagen zum Zumutungsbereich gehören und Kinder sich mancherorts nicht einmal mehr trauen, die Schultoiletten zu benutzen?
Man kann Kindern viel über Würde, Respekt und gesellschaftliche Verantwortung erzählen. Aber vielleicht sollte man zunächst dafür sorgen, dass sie während des Schultages auf eine Toilette gehen können, ohne anschließend eine psychologische Nachbetreuung zu benötigen.
Bildung beginnt nicht erst beim Lehrplan. Sie beginnt mit einem funktionierenden Gebäude, sauberen Toiletten, ausreichend Personal, vernünftiger Ausstattung und der Gewissheit, dass ein Kind nicht erst zum sozialen Härtefall werden muss, bevor jemand hinschaut.
Und genau hier liegt die politische Pointe dieser Geschichte:
Ein Kanzler erklärt Lehrerinnen und Lehrer zur wichtigsten Berufsgruppe des Landes. Gleichzeitig werden soziale Leistungen für Kinder und Familien auf den Prüfstand gestellt.
Das ist ungefähr so, als würde ein Bauherr dem Architekten eine Auszeichnung für sein Lebenswerk überreichen und anschließend das Fundament aus Kostengründen entfernen lassen.
Die Laudatio stimmt. Nur die Statik nicht.
Vielleicht sollte Friedrich Merz bei seiner nächsten Rede nicht nur von Kindern sprechen, sondern einmal eine ganz normale Schule besuchen. Nicht für einen Fototermin, nicht für eine Preisverleihung und auch nicht, um eine weitere Sonntagsrede zu halten.
Sondern einfach einmal mit offenen Augen durch die Flure gehen.
In die Klassenräume schauen. Mit den Lehrkräften sprechen. Die Toiletten besichtigen. Und anschließend vielleicht die Frage stellen, weshalb wir in Deutschland Milliarden für alles Mögliche finden, aber bei Kindern plötzlich jede einzelne Unterstützung zur finanzpolitischen Belastungsprobe wird.
Denn Kinder sind keine Haushaltsposition, die man nach Belieben kürzen kann.
Sie sind auch keine Wahlkampfrequisite, die man bei feierlichen Anlässen liebevoll in die Rede einbaut und anschließend wieder aus dem Etat streicht.
Lieber Herr Merz
wenn unsere Kinder wirklich das Wertvollste sind, was wir haben, dann sollte sich das nicht nur in Ihren Reden widerspiegeln, sondern auch in den Haushalten Ihrer Regierung.
Denn ein Kind braucht mehr als warme Worte eines Kanzlers.
Es braucht eine Zukunft.
Und manchmal, lieber Herr Bundeskanzler, braucht es zunächst einmal eine funktionierende Schultoilette.
Mein Schlussgedanke:
Man kann Kindern nicht ständig erzählen, sie seien unsere Zukunft, wenn man gleichzeitig beginnt, an ihrer Gegenwart zu sparen.
Oder etwas weniger diplomatisch:
Wer Kinder zur wichtigsten Ressource des Landes erklärt, sollte aufhören, sie wie einen Kostenfaktor zu behandeln.
Denn irgendwann wird aus dem Deutschen Schulpreis vielleicht noch der Deutsche Sparpreis.
Und den bekommen dann ausgerechnet diejenigen, die am wenigsten davon haben: unsere Kinder.